Die Zeit der Inseln
Die Zeit der Inseln

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Leseproben

Abbildung: Domplatz in Münster; © MCvP

 

Die Augustiner-Chorherren Martin und Hermann sind auf dem Weg nach Frenswegen und warten nun vor dem Bischofspalast zu Münster geduldig auf Einlass:

»Ich denke, schon in wenigen Stunden werden wir vorgelassen; man wird uns wertvolle – was sage ich – lebenswichtige Ratschläge geben, anschließend wird man uns in unsere Gemächer führen und zum Abschluss des Tages wird des Bischofs Statthalter uns zu Ehren ein Festessen geben. Und alles was Rang und Namen hat in dieser Stadt wird zugegen sein: die Ratsherren und Honoratioren nebst Bürgermeister, der päpstliche Nuntius, alle Prälaten, Weihbischöfe... ist nicht gar der Papst selbst auf dem Weg nach Münster? Sicher trifft er noch heute ein, um uns am morgigen Tag persönlich als Retter des Katholizismus in das Babel Westfalens zu entsenden – wie Lämmer unter Schafe... ach nein, Löwen waren es, glaube ich...«,
»Wölfe...« korrigierte ich,
»Wölfe – selbstverständlich, wie Lämmer unter Wölfe werden wir entsandt...«
»Nicht so laut!« Ich versuchte, ihm Einhalt zu gebieten. »Nicht jeder hier wird sich an deinem Humor begeistern. Wer weiß, wer uns alles hören kann!«, sprach ich leise, woraufhin Hermann übertrieben die Schultern hochschob, sich mit einer ängstlich verzerrten Grimasse duckend umschaute und flüsterte:
»Oh oh, ja ja, bei diesen Münsteranern muss man sehr vorsichtig sein. Die Einen sind eigentlich Wiedertäufer und die Anderen sind lutherische Katholiken mit einem gewissen Hang zum Calvinismus.«
Ich musste unwillkürlich loslachen; Hermann hingegen stand aufrecht mit verschränkten Armen da und grinste über das ganze Gesicht. Im selben Moment öffnete sich wieder das Fensterchen in der Tür und augenblicklich verstummte ich.

 

 

Foto: Kloster Frenswegen um 1910

 

Gräfliche Soldaten bringen eine schaurige Fracht zum Kloster in Frenswegen:

 

Johannes erkundigte sich nach der Ursache des Tumults. Einer der Soldaten wies stumm auf den Ochsenkarren. Was wir darauf erblickten, ließ uns erschaudern. Es war der – schon im Verwesen begriffene – Leichnam eines Geistlichen, welcher die Tracht der Augustiner-Chorherren trug, welche sich zwar in einem bedauernswerten Zustande befand, aber dennoch deutlich zu erkennen war. Übler Gestank ging von ihm aus. Johannes und ich schlugen erschrocken mehrfach das Kreuzeszeichen. Inzwischen waren auch die anderen Chorherren erschienen; alle erschraken sehr beim Anblick des Toten. Nachdem sich die Menschen beruhigt hatten, wandte sich Johannes an die Soldaten: »Woher stammt der Leichnam?«
»Den haben ein paar Bauern im Moor gefunden; in der Nähe der Straße nach Lingen, nahe der Grenze«, war die Antwort des Offiziers.
»Was wisst Ihr über den Toten?«
»Nichts, wir hofften, Ihr wüsstet vielleicht etwas. Erkennt hier jemand den Toten?«, fragte er in die Runde. Die Umstehenden schüttelten den Kopf, manche schauten ein weiteres Mal auf den Karren.
»Der sieht ja aus wie Luther!«, meinte plötzlich Henrikus.


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